Gebt den Fischen Gummi

Immer wieder stellt sich uns, Fliegenfischern die Frage, welches Fliegenmuster wird denn wohl das Richtige sein? Welche Fliege bringt wohl heute den ersehnten Erfolg?

Kein Wunder, wenn man einmal einen Blick in eine vollgefüllte Fliegenbox wirft nicht nur für einen Anfänger oft undurchschaubar.
Bei den vielen tausend Fliegenmustern in der ganzen Welt wird die Entscheidung der richtigen Wahl oft zu einem reinen Glücksgriff. Doch kann man das Glück, gerade beim Auswählen des Fliegenmusters beeinflussen? Sicherlich hat jedes Muster seine Berechtigung mindestens einmal ausprobiert zu werden, doch kann man die Fängigkeit der verschiedenen Fliegenmuster noch beeinflussen?

Wir sind dieser Frage nachgegangen und haben in einem mehrwöchigen Versuch einige ältere, recht erfolgreiche Muster ausprobiert und sie anschliessend „getunt“; also beeinflusst, abgeändert – oder gar - verbessert?
Getreu unserem Motto: „Fliegenfischen ist Natur erleben“ waren es gerade die Beobachtungen in der Natur, die uns zu unserem Fliegenmustertest anspornten.

Langsam wird es draussen warm. Die Sonne hat schon ausreichend Kraft um die Oberfläche der verschiedenen Gewässer zu erwärmen. Die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf. Auch die Insekten kriechen nach der lang anhaltenden Frostperiode wieder aus ihren Winterquartieren. Alles was Beine hat, kribbelt und krabbelt an Büschen und Bäumen rund um die Flüsse und Bäche.
An einem herrlichen Sonntagmorgen gingen Markus und ich an einen kleinen wunderschönen naturbelassenen Bach zum Fischen.
Langsam erhob sich die Sonne am Horizont über ein kleines Tannenwäldchen und die ersten Sonnenstrahlen warfen ihr glitzerndes Licht auf einen kleinen Pool am Bach. Markus und ich berieten uns welches Fliegenmuster wir wohl verwenden sollten.
Markus entschied sich für einen kleinen Streamer, den wir vor einigen Jahren entwickelten und nach einem Fliegenfischerkollegen, der uns die Anregung dazu gab, benannten (Arbogast/oliv). Ich hingegen versuchte es mit einer kleinen Nymphe (der Red Tag angelehnt).
Wir fischten damit zuerst die verschiedenen kleinen Pools flussabwärts. Einige Zeit später konnte Markus die ersten Bachforelle sicher landen. Bei mir dauerte es eine Weile länger, bis sich der ersehnte Erfolg einstellte. Der, wie sich später zeigen sollte, auch der Einzige für diesen Tag bleiben sollte. Eine magere Ausbeute für den Saisonstart und unserem ersten gemeinsamen Frühlingsangeltag.

Nach dem angestrengten Abfischen der Strecke und dem dabei etwas bescheidenen Erfolg, beschlossen wir eine Pause einzulegen und die Natur auf uns einwirken zu lassen. Wir legten eine kleine Picknickdecke auf den Boden und stärkten uns mit belegten Brötchen und einer heissen Tasse Kaffee. Da bemerkte ich, wie eine kleine grüne Spinne mit brauen Beinchen über unseren gedeckten Tisch krabbelte. Kurze Zeit später folgte eine Weitere, die sich ebenfalls mittels ihrer Beinchen einen Weg über unsere Decke bahnte. Und es sollten noch weitere Insekten folgen. So ein bronzefarbener Käfer mit langen behaarten Beinchen, eine kleine schwarze Wanze mit einem knallroten Rückenschild und am Ende noch ein Weberknecht, mit richtig langen stelzenartigen dünnen Beinchen. Alle waren sie zu unserem Lunch erschienen. Und keiner hatte sie eingeladen. Doch die Käferparade löste bei mir eine Überlegung aus und so fragte ich Markus, wie es denn wohl sein mag, wenn wir es einmal mit Imitationen von diesen Insekten, auf unsere Bachforellen versuchten. Oder noch besser, wenn wir unsere alten Muster etwas aufmotzen und mit Gummibeinchen versehen. Auch Markus war von der Idee begeistert und so beschlossen wir unseren Entschluss in die Tat umzusetzen.

Da wir keine Muster mit Beinchen dabei hatten, hiess es zuerst einmal einige Fliegen am Bindetisch herzustellen. Dabei kam uns der Gedanke, diese neuen Muster auch noch mit den alten Mustern direkt am Wasser auf ihre Fängigkeit zu vergleichen. Kurzum banden wir unsere alt bewerten Fliegenmuster, welche wir aber alle ohne Ausnahme mit dünnen Gummibeinen versahen.
Voller Erwartung fuhren wir eine Woche später erneut an unseren Bach. Markus knüpfte sich ein älteres Fliegenmuster an und ich verwendete ein neues Muster mit Beinchen.

Erster Wurf. Markus konzentrierte sich darauf die Fliege exakt an der Strömungskante entlang zu führen. Ohne Erfolg. Ein zweiter Wurf folgte. Aber auch der leider ohne Ergebnis.
Nun wechselten wir den Standpunkt und ich war an der Reihe. Ich warf die Fliege mit den Beinchen exakt an die gleiche Stelle und führte auch diese entlang der gleichen Strömungskante. Gleich darauf ein kurzer, aber heftiger Zug in der Vorfachspitze und der Fisch schloss stromabwärts. Kurze Zeit später landete ich eine kleine wunderschöne Bachforelle, die ich vorsichtig wieder in ihr Element entlies. Markus und ich sahen uns kurz an. 1:0 für die Fliege mit den Gummibeinen.
Wir wechselten die Stelle und banden ein neues Fliegenmuster an. Markus ohne, ich wiederum mit Beinchen. Markus warf diesmal eine kleine Nymphe quer über und mendete die Fliegenschnur etwas stromaufwärts.. Nun trieb die Nymphe genau in der richtigen Tiefe, an der gegenüberliegenden Uferkante entlang. Doch es passierte nichts. Diesen Vorgang wiederholte Markus einige Male, da wir an dieser Stelle schon einig gute Fische gefangen hatten. Doch heute verschmähten sie das angebotene Muster. Aber wir hatten ja noch ein Ass im Ärmel.
Wiederum tauschten wir die Plätze. Mit einem kleinen Plopp tauchte nun meine getunte Nymphe ein und wanderte entlang der Rinne am gegenüberliegenden Ufer. Kurz darauf blieb die Leine für den Bruchteil einer Sekunde stehen. War dies schon ein Biss? Leider nicht. Ein weitere Wurf folgte. Wieder trieb die Nymphe an der gleichen Stelle vorbei. Voll konzentriert beobachtete ich das Ende der Fliegenschnur genau. Und plötzlich wurde mir die Schnur regelrecht aus der Hand gerissen. Gleich darauf folgte ein akrobatischer Sprung einer stattlich Bachforelle. Mit einem lauten Platscher tauchte sie wieder ins Wasser und stürmte zuerst flussaufwärts, kurze Zeit später schoss sie wieder an mir vorbei flussabwärts. Sie verlangte meiner kleinen 4er Bachrute alles ab. Nach bangen Minuten gab sie sich schließlich geschlagen und eine herrliche rot getupfte Bachforelle von 45cm lag vor meinen Füssen. Mit einem schelmischen Grinsen von einem zum anderen Ohr sah ich Markus verstohlen in die Augen. „2:0“, sagte ich knapp.

Nun wollte Markus es einmal mit einer umfunktionierten Fliege probieren. Und um es dann auf die Spitze zu treiben, knüpfte er eine Trockenfliege an, die wir ebenfalls mit Gummibeinchen versehen hatten.
Sanft präsentierte Markus das neue Muster in einer kleinen Rückströmung an. Und sogleich wurde sie eingeschlürft. -Anhieb. Die Forelle wehrte sich in bester Kampflaune, doch auch hier gelang es uns die Getupfte sicher zu landen. Wiederum eine schöne Bachforelle.So fischten wir noch bis in die Abenddämmerung und konnten noch einige schöne Fische erbeuten. In den darauf folgenden Wochen setzten sich immer wieder unsere neuen Muster gegenüber den alten durch.

Überall, wo wir die getunten Fliegenmuster einsetzten, ob Trockenfliege, Nymphe, Streamer (Hecht) oder sogar auf Lachs- und Meerforellen hatten wir deutlich mehr Erfolg.

Unser Fazit lautet:
„Fische lieben Beinchen; also gibt den Fischen Gummi.“
Viel Spass beim ausprobieren.


Josef Redel
Markus Schwarz
Fliegenfischerschule Saar